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Herausforderungen textiler Identitätsbildung für die neue Generation von IG Metaller:innen

Aktualisiert: Sept 25

von Miriam Bürger, Gewerkschaftssekretärin beim IG Metall Vorstand, Funktionsbereich Tarifpolitik


Als neue Tarifsekretärin für die Textilen Branchen im IG Metall Vorstand, gehöre ich zur „neuen“ Generation von IG Metaller:innen, die die GTB nur noch aus Erzählungen kennen. Und von meiner „Sorte“ gibt es immer mehr, in den Betrieben und unter den Gewerkschaftssekretär:innen. Ich werde daher regelmäßig gefragt – und zwar von IG Metall Mitgliedern, von Hauptamtlichen und selbst von Textilbeschäftigten: Warum ist denn die IG Metall für Textil zuständig?


Wundern muss das nicht: denn es ist bereits 25 Jahre her, dass die IG Metall ihren Organisationsbereich auf textile Branchen ausgeweitet und die Gewerkschaft Textil und Bekleidung ihre Auflösung beschlossen hat. Im Jahr 1998 sind die Mitglieder von der GTB in die IG Metall übergegangen, die IG Metall wurde tarifschließende Partei für die textilen Arbeitgeber und die GTB war Geschichte.


Mit dem notwendigen Anschluss der GTB an die IG Metall verloren die Beschäftigten der Textilen Branchen ihre eigenständige Interessenvertretung – nicht aber ihr Selbstbewusstsein und ihren Eigensinn als Textiler:innen. In der IG Metall haben sie sich nicht selten Gehör und Aufmerksamkeit verschafft: so zum Beispiel mit kreativen Aktionen in Tarifbewegungen oder mit nachdrücklichen Hinweisen an die Betriebsbetreuer:innen der IG Metall, auf die Besonderheiten der Branchen und der Betriebe Rücksicht zu nehmen.


Den Anschluss an die IG Metall haben die Kolleg:innen nach eigenem Bekunden bis heute im Großen und Ganzen nicht bereut. Seitdem die GTB ihre Durchsetzungsfähigkeit auf Grund des Beschäftigungs- und Mitgliederrückgangs eingebüßt hat, sorgt die Organisationsmacht der größten Industriegewerkschaft der Welt seit 1998 für Tariferfolge und eine zuverlässige und betriebsnahe Betreuung von Gewerkschaftsmitgliedern und Betriebsräten. Außerdem erhielten die Textiler:innen Räume und Ressourcen, ihre Netzwerke und damit ihre Identität als GTBler:innen in der IG Metall weiterzuleben.


Doch die letzten „echten“ GTBler:innen verlassen langsam das aktive Berufsleben – sei es im Betrieb oder in der IG Metall. Mit den Kolleg:innen geht auch das aktive Wissen über die GTB. Heute und zukünftig vertreten IG Metaller:innen in Betrieb und Gewerkschaft die Interessen der Textilbeschäftigten, die die GTB selbst nicht mehr erlebt haben. Die GTB-Identität verschwindet und die Kolleg:innen sind ganz selbstverständlich IG Metaller:innen. In den Gewerkschaftsgremien vor Ort arbeiten sie zusammen mit Kolleg:innen aus dem KFZ-Handwerk, aus Sägewerken und der Möbelindustrie, aus Gießereien und von Automobilherstellern und sind damit Teil einer heterogenen Betriebs- und Branchenlandschaft in der IG Metall. Sie erleben, dass sie mit Kollg:innen aus anderen Textilbetrieben genauso viel oder genauso wenig verbindet, wie mit Kolleg:innen aus anderen Branchen. Denn nicht nur die IG Metall ist in der Branchenzusammensetzung heterogen: auch die Textilen Branchen selbst, sind höchst vielfältig. Textile Firmen verdienen unter anderem ihr Geld mit Dienstleitungen (Textile Dienste, Zeltverleiher), mit Handel und Logistik (Bekleider) und nicht zuletzt auch mit industrieller Produktion, die unterschiedlichste Produkte und Fertigungsmethoden hervorbringt.


Daher stellt sich die Frage: Was wird die textilen Betriebe in der IG Metall zukünftig zusammenhalten? Wie mobilisiert man für Tarifauseinandersetzung in der Fläche, wenn niemand mehr eine aktive Erinnerung daran hat, dass man einst unter dem Dach der Gewerkschaft Textil-Bekleidung eine Einheit bildete?


Textiler:innen in der IG Metall müssen in der IG Metall eine eigene Identität entwickeln. Als Metaller:innen und Textiler:innen oder als Textiler:innen in der IG Metall. Das gelingt durch aktive Branchenarbeit z.B. in Textilausschüssen oder –netzwerken in Geschäftsstellen und Bezirken, die die aktive Beteiligung der Mitglieder aus textilen Betrieben sicherstellen und durch branchenspezifische Bildungsangebote, Konferenzen und Tagungen. Wichtig ist auch, dass Textiler:innen in den örtlichen Gremien der IG Metall ausreichend vertreten sind und dort als Textiler:innen auftreten und gehört werden. Darüber hinaus bedarf es einer eigenständigen politischen Agenda der Textilbranchen in der IG Metall, die gleichzeitig anschlussfähig an die politischen Leitlinien und Schwerpunkte der IG Metall insgesamt ist.


Der gemeinsame Kampf braucht aber auch eine gemeinsame Erzählung. Eine gemeinsame Erzählung über die Vergangenheit und eine optimistische Erzählung für die Zukunft, die neben dem Verstand auch das Herz erreicht. Es muss emotional nachvollziehbar bleiben, in welcher Tradition textile Gewerkschaftsarbeit in der IG Metall steht. Hierzu leistet das Buch von Annette Szegfü und Peter Donath einen nicht zu unterschätzenden Beitrag. Die optimistische Zukunftserzählung müssen die Textlier:innen in der IG Metall selbst entwickeln. Sie müssen über die Chancen und Innovationen in den Textilen Branchen reden und Transformation als Möglichkeit betrachten, die Textilen Branchen zukunftsfest zu machen. Sie müssen die Transformation gestalten, so dass Arbeitsplätze erhalten bleiben, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern und die Beschäftigten einen fairen Anteil vom Kuchen dessen bekommen, was sie an Werten schaffen.


Was bedeutet das für die textilen Tarifverträge? Die Tarifverträge der Textilen Branchen müssen die Zukunft repräsentieren. Sie müssen einerseits gute Einkommen sichern, sie müssen aber auch zu den heutigen und zukünftigen Tätigkeiten, Berufen und Unternehmen in den Branchen passen. Die bestehenden Lohn- und Gehaltstarifverträge sind aus dem letzten Jahrhundert. Lohngruppenverzeichnisse sind veraltet, es gibt zu viele Lohngruppen, die zu eng beieinanderliegen, es gibt eine erhebliche positive Lohndrift in bestimmten Bereichen und es wird immer noch zwischen Löhnen und Gehältern unterschieden. Beschäftigte transparent und fair einzugruppieren, ist in manchen Bereichen nicht mehr möglich oder gar nicht mehr vorgesehen, z.B. im Retail und in der Logistik. Hier braucht es etwas Neues – insbesondere gute Entgeltrahmentarifverträge. Nicht nur für mehr Fairness bei der Vergütung in den tarifgebundenen Betrieben, sondern auch um neue Betriebe in Tarifbindung zu bringen.


Auch das Thema Arbeitszeit wird uns weiter begleiten. Immer mehr Kolleg:innen wünschen sich kürzere Arbeitszeiten, mehr Arbeitszeitsouveränität – eben weniger Arbeit und mehr Freizeit. In den Textilen Branchen gilt in aller Regel die 37-Stunden-Woche. Die 35 ist noch nicht erreicht, während gesellschaftlich bereits über 30-Stunden pro Woche als Regelarbeitszeit diskutiert wird. Die Angleichung der Arbeitszeit Ost an West haben wir in allen textilen Branchen geschafft. Ein Riesenerfolg! Damit ist die Arbeitszeitfrage aber noch lange nicht abschließend geklärt.


Das Buch „Wir machen Stoff!“ gibt wichtige Einblicke in die Geschichte der GTB und ihre tarifpolitischen Strategie. Es erzählt von den gewaltigen Umbrüchen der textilen Branchen, aber auch von Gewerkschaftsmitgliedern, die mit viel Herzblut für gute Arbeitsbedingungen gekämpft und mit stolzer Brust die Fahne ihrer Textilgewerkschaft getragen haben. Diese Geschichte wird nun von IG Metaller:innen weitergeschrieben, die nicht nur zurück sondern vor allem auch in die Zukunft blicken müssen. Damit das gelingen kann, brauchen sie ihren Platz in der IG Metall, sie brauchen Orte und Räume an denen sich textile Identität erhalten und ausbilden kann und sie brauchen den Mut, an die Zukunft ihrer Branchen zu glauben.

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