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Die Gewerkschaft Textil-Bekleidung 1949-1998
Präsentation bei der IG Metall mit prominenten Gästen

Der Erste Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, hatte zur Vorstellung von >>Wir machen Stoff<< nach Frankfurt geladen und konnte dort prominente Gäste begrüßen. Gleich zwei ehemalige Vorsitzende, Klaus Zwickel und Berthold Huber, waren gekommen sowie Marianne Lutz, frühere Betriebsratsvorsitzende bei Margarete Steiff und ehemaliges Vorstandsmitglied sowohl der Gewerkschaft Textil-Bekleidung (GTB) als auch später der IG Metall. Die Sekretäre des Integrationsrates von IG Metall und GTB, Dr. Klaus Lang und Wolfgang Rose, waren ebenfalls anwesend.

Anhand von fünf Thesen erläuterten Annette Szegfü und Peter Donath Ihre Forschungsergebnisse den 50 Teilnehmenden im Main Forum des IG Metall Vorstands (s. hierzu den gesonderten Blogeintrag).

In einer von Dr. Sabine Blum-Geenen geleiteten Gesprächsrunde gaben Autorin und Autor des Buches nähere Einblicke in ihre 5jährige Forschungsarbeit. Marianne Lutz und Klaus Zwickel berichteten über den Prozess der Integration der GTB in die IG Metall und ihre damit verbundenen Erfahrungen. Lutz betonte, dass in ihrer Heimatverwaltungsstelle die Zusammenarbeit zwischen Textiler:innen und Metaller:innen davor schon problemlos geklappt hat. „Streikten wir Textiler, standen die Metaller auch bei uns vorm Tor, streikten die Metaller, leisteten wir Unterstützung“, beschrieb die ehemalige Steiff-Betriebsrätin die Solidarität unter den Gewerkschaften vor Ort. Klaus Zwickel unterstrich die Vereinbarungen, die auf Augenhöhe geschlossen wurden und den neuen IG Metall-Kolleginnen und Kollegen Platz für die Entwicklung ihrer Tarifpolitik ließen.

 

Jörg Hofmann ging in seiner Analyse auf die erfolgreiche Geschichte der Textil-Bekleidungsgewerkschaft mit ihrem hohen Organisationsgrad bei Frauen ein. Er verwies auf ihre Mitgliedernähe und die Durchsetzungskraft in Tarifrunden trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Dies sei in >>Wir machen Stoff<< hervorragend nachzulesen. „Euer Buch ist ein Wissensfundus und zeichnet das Bild einer gut organisierten und stolzen Gewerkschaft nach“, betonte der Erste Vorsitzende der IG Metall. Die Erfahrungen der GTB mit den frühen industriellen Veränderungsprozessen seien eine wichtige Quelle für heutige Gewerkschafter, denn schließlich stehe aktuell die gesamte Industrielandschaft vor einer großen Transformation. Er forderte zur Bewältigung dieser Aufgabe ein Zusammenspiel von Gesetzgebung, Tarifpolitik und betrieblicher Mitbestimmung.

Miriam Bürger, beim Vorstand der IG Metall für die Tarif- und Branchenpolitik Textil-Bekleidung-Textile Dienste zuständig, betonte wie wichtig die Kenntnis der GTB-Geschichte auch für das heutige Verständnis der Gewerkschaftsarbeit in den Branchen ist.

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Die Gewerkschaft Textil-Bekleidung
1949-1998

Die Textil- und Bekleidungsindustrie war nach Kriegsende die größte Konsumgüterbranche und die erste Industrie, die ihre Produktion in Länder mit niedrigen Lohn- und Sozialstandards verlagerte.

Trotz dieser Herausforderungen organisierte die Gewerkschaft Textil-Bekleidung über 49 Jahre hinweg erfolgreich ihre mehrheitlich weiblichen Beschäftigten.

Peter Donath und Annette Szegfü dokumentieren erstmals, wie es der Gewerkschaft unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen gelang, Tarifverträge mit eigenen Akzenten durchzusetzen und gleichzeitig zur anerkannten Sprecherin ›ihrer‹ Branchen zu werden.

Über "Wir machen Stoff"

Am 27. Juni 1996 war es soweit: Der Hauptvorstand der Gewerkschaft Textil-Bekleidung (GTB) beschloss, die Auflösung der eigenen Organisation in die Wege zu leiten und die Interessenvertretung der Beschäftigten in der Textil- und Bekleidungsherstellung in die Hände der IG Metall zu legen.

Das Textilgewerbe war ein Pionier der ersten industriellen Revolution. In ihren Fabriken arbeiteten Frauen und Männer nun nicht mehr an Spinnrädern und Webstühlen, sondern an Spinn- und Webmaschinen. 

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Nur langsam setzte sich bei den Arbeitenden die Erkenntnis durch, dass sie sich zusammenschließen müssen, um ein Gegengewicht zu den Unternehmern zu entwickeln. 1869 wurde so die erste über lokale Zusammenschlüsse hinausgehende Gewerkschaft gegründet. Mit der Auflösung der GTB endete nach 129 Jahren die Geschichte der eigenständigen Gewerkschaft und seit 1998 vertritt die IG Metall nun auch die Interessen der Beschäftigten in der Textil- und Bekleidungsindustrie.

Wie kam es zur Auflösung? Fest steht: Die GTB war nicht an ihrem Unvermögen gescheitert, die Beschäftigten gewerkschaftlich zu organisieren. Auch haben die Mitglieder ihrer Gewerkschaft nicht scharenweise den Rücken gekehrt, sondern es waren ihre Arbeitsstätten, also die Textil- und Bekleidungsbetriebe, die in großer Mehrheit umgezogen sind. Die in Deutschland erhältlichen Bekleidungswaren kamen bald zu über 90 Prozent aus Ländern mit niedrigsten Lohn- und Sozialstandards, kostengünstig produziert in Staaten mit meist autoritären oder gar diktatorischen Regierungen.

Die Abwanderung der Branchen geschah gleichwohl nicht von heute auf morgen. Sie begann bereits in der 1960er Jahren und nahm in den folgenden Jahrzehnten an Fahrt auf. Mit der deutschen Vereinigung 1990 wurde diese über 25 Jahre andauernde westdeutsche Entwicklung auch in den ostdeutschen Bundesländern innerhalb von nur zwei Jahren nachgeholt: 280.000 Arbeitsplätze wurden in diesem kurzen Zeitraum vernichtet.

  • Welche Folgen hatte diese Entwicklung für die Gewerkschaftsarbeit?

  • Wie hat die GTB-Führung mit Blick auf die Verlagerung agiert oder reagiert?

  • Wie gelang es ihr, regelmäßig Lohn- und Gehaltstarifverträge durchzusetzen?

  • Oder wurden zum Schluss nur noch Kapitulationsurkunden unterschrieben?

Diese und andere Fragen haben uns in den vergangenen Jahren sehr bewegt. Im Laufe der Recherchen sind wir auf einen großen Schatz gestoßen und waren uns schnell einig: Dieser Schatz darf nicht in Vergessenheit geraten. „Wir machen Stoff“ ist das Ergebnis und damit das erste Buch über die Geschichte der Gewerkschaft Textil-Bekleidung nach dem zweiten Weltkrieg.

 

Veranstaltungen

Wir lesen aus "Wir machen Stoff" und diskutieren mit Interessierten über die Geschichte der GTB und mögliche Erkenntnisse für die moderne Gewerkschaftsarbeit. Was war das Besondere an der GTB? Was können wir von den schwierigen Zeiten der GTB lernen?  


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